„Kann Gott so grausam sein? Durfte Diana nie glücklich werden? Wir Menschen fragen - fassungslos. Doch die Antwort weiss nur Gott. Diana und Dodi: Sie fanden sich. Sie liebten sich. Sie träumten von gemeinsamer Zukunft. --- Gott kann grausam sein. Für uns Menschen unfassbar unbarmherzig.“
So stand es auf der Frontseite einer Schweizer Zeitung. Auffallend ist dabei, dass „Gott“ gleich dreimal erwähnt wird. Wenn ein Unglück passiert, wenn Schreckliches zustösst, wenigstens dann, verschwendet der Mensch wieder einmal einige Gedanken an Gott. Wird am Anfang noch vorsichtig gefragt „Kann Gott so grausam sein?“ so ist es am Ende ganz klar „Gott kann grausam sein. Für uns Menschen unfassbar unbarmherzig.“
1. Ist Gott grausam?
Jetzt mal ehrlich, sind Ihnen solche Gedanken wirklich fremd? Gott, der allmächtige Herr, und das Leid in der Welt, wie reimt sich das? Gott, der liebende Vater, und die Ungerechtigkeit auf Erden, wie passt das zusammen? Diese Fragen beschäftigen nicht nur solche, die mit dem Glauben nichts am Hut haben. Zu allen Zeiten gab es auch Christen, denen diese Fragen zur Anfechtung wurden und die in Gefahr standen, an Gott irre zu werden. Und dies vor allem dort, wo sie ganz direkt von einem sogenannten Schicksalsschlag getroffen wurden. Ist Gott grausam? Diese Frage kann jederzeit in uns aufbrechen. Ein schwerer Autounfall, der Brand des eigenen Hauses, die Geburt eines behinderten Kindes, eine unheilbare Krankheit, der plötzliche Tod des Ehepartners. All diese, und noch ganz andere, vielleicht auch weniger tragische Ereignisse, lassen in uns die Frage aufkommen, ob Gott grausam sei. Ich bin davon überzeugt, dass sich diese Frage schon mancher Christ gestellt hat, der mit tief verwundetem Herzen feststellen musste, wie die schöne Melodie: „... der dich erhält, wie es dir selber gefällt“, plötzlich zerrissen wurde. Wenn das Leben weh tut, weil uns irgendetwas Schweres zugestossen ist, stehen wir in Gefahr zu denken, Gott sei grausam. Hiobs verzweifelte Frau vermochte ihrem vom Leid gequälten Mann nur noch ins Ohr schreien: „Sage Gott ab und stirb“ (das heisst: verfluche deinen Gott und nimm dir das Leben; Hiob 2,9) Es gibt solche Momente, wo wir den Eindruck haben, das Gesicht des liebenden Gottes habe sich verborgen. Es erscheint uns verstellt, grausam und verzerrt. Und wir fragen uns: Ist Gott grausam?
Diese quälende Frage kann zu einem Zeichen der Hoffnung werden, wenn sie jenem quälenden Sandkorn gleicht, das in der Muschel zum Kern einer kostbaren Perle wird. So ähnlich muss es der angefochtene Beter in Psalm 73 erlebt haben, der mitten in seiner Not zu beten begann: „Ich bleibe stets mit dir verbunden, du hältst mich fest bei meiner rechten Hand; du leitest mich nach deinem Ratschluss und nimmst mich endlich auf in die Herrlichkeit“ (V.23f).
2. Ist Gott unbarmherzig?
In der Brief- und Telefonseelsorge werde ich mit den unterschiedlichsten Lebensgeschichten konfrontiert. Da erzählt mir zum Beispiel eine Frau aus ihrer Kindheit. Eine ganze Kette von negativen Erlebnissen reihen sich aneinander. Am Schlimmsten war für sie, dass ihre Mutter so parteiisch war und sie konstant als „schwarzes Schaf“ behandelte. Während die anderen Geschwister dieser Frau mit Liebe und Aufmerksamkeit erzogen wurden, wurde dieses Kind immer wieder brutal abgelehnt und beschimpft. Es ist unglaublich, was diese Frau als Mädchen alles erleiden und erdulden musste. Oft wurde sie geschlagen, psychisch misshandelt, nicht für voll genommen, und in gemeinster Weise schikaniert und ausgebeutet. Körperliche Nähe hat sie ebensowenig bekommen wie ein Wort der Ermutigung. Es war für mich selber schmerzlich, diese Lebensgeschichte anhören zu müssen. Und ich fragte mich dabei: Ist Gott nicht unbarmherzig, weil er diesen Menschen in diesem vergifteten Klima aufwachsen liess? Hat Gott diesen Menschen nicht lieb?
Für mich ist es ein Wunder, dass diese Frau zum Glauben an Jesus fand. Sie erkannte mit einem Mal, dass Jesus solidarisch ist mit ihren tiefen inneren Verletzungen. Sie spürte förmlich, dass ihr im gekreuzigten Christus der barmherzige Gott begegnete, der sich verstehend, helfend und liebevoll um sie kümmerte. Wo Menschen Jesus - den Gekreuzigten - ins Blickfeld bekommen, verändert sich ihre Lebensperspektive. Denn an Jesus wird für uns einmalig deutlich, dass Gott ein Herz für uns hat. Gott ist barmherzig. Ihm liegt an uns, an Ihnen.
3. Gott weiss es, er gibt Hoffnung
Es gibt viele Geheimnisse, die bleiben werden. Es gibt vieles, was wir nie verstehen werden. Selbst theologisch noch so durchdachte Konzepte, vermögen Gottes Absichten und Pläne nicht aufzuschlüsseln. Um es mit den Worten Blumhardts zu sagen: „Wir sind nicht Gottes Geheimräte.“ Es bleibt jedoch die Gewissheit, dass Gott letztlich alle Fäden unseres Lebens (und dieser Welt) in seinen Händen hält. Nichts ist dem Zufall überlassen. Gott behält den Überblick. Und er gibt uns eine Hoffnung, die über den Grabesrand hinausgeht. Wer sich bei Gott birgt, hat Hoffnung und Zukunft. „Und diese Hoffnung wird uns nicht enttäuschen“ (Römer 5,5).
© Ernst Bai (Nov.08)
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