Grossveranstaltungen sind wieder „in“. Egal ob Fussball, Olympische Spiele, Opern-Festspiele, Musikveranstaltungen, Streetparade, Katholikentag oder Christustag, etwas haben diese Events gemeinsam: sie ziehen Massen von Menschen in den Bann. Was lockt den Menschen in die Masse? Welche emotionalen Erfahrungen macht er dabei? Wo sind die Chancen, wo lauern Gefahren?
Bravo! Bravo! Bravo!
Zeltferien am Gardasee. An einem heissen Sommerabend, vor etlichen Jahren. Wir machen einen Ausflug nach Verona. Ziel ist die Opern-Aufführung von AIDA. Zuerst faszinierten mich das gut erhaltene Amphitheater, dann die gut gestimmte Menschenmasse, und schliesslich die imposante Aufführung der berühmten Oper von Giuseppe Verdi. Es herrscht eine ausgelassene Stimmung. Das Volk gibt bei jeder Pause tosenden Applaus. Einige stehen dazu auf und schreien aus voller Kehle: Bravo! Bravo! Bravo! Ich lasse mich von dieser Begeisterung anstecken. Und das einfach so, aus lauter Freude am Leben.
Spass und schöne Erlebnisse im Massen-Event
„Der FC (X) ist für mich schon fast wie eine Ersatzfamilie ... wenn ich im Stadion sehe, wie die Zuschauer in der Fan-Kurve schunkeln und wie sie singen, dann krieg ich eine Gänsehaut.“ Das schreibt einer, der die Szene kennt. Die Erlebnisse bei Massenveranstaltungen lassen sich wie folgt umschreiben: Glücksgefühl, Zugehörigkeit, Spass haben, Geniessen können. Warum nehmen in Zürich (und anderswo) Tausende von Menschen an Street-Paraden teil, um eine Wochenend-Techno-Party zu feiern? Das Motto kann verschieden sein. Grundsätzlich geht es um: Friede, Freude Eierkuchen. Einfach dabei sein und „fun“ haben, heisst die Devise. Die Post muss abgehen. Leichtigkeit ist angesagt. Im Zentrum steht die Erlebnissehnsucht, und damit verbunden die Glückssehnsucht. Diese Geisteshaltung nennt man „Eudämonismus“, das ist der Hang zur totalen Glückseligkeit. Das höchste Ziel des Lebens ist das persönliche Glück. Wir gleichen alle Hans im Glück. Glück bedeutet, das Leben nach seinen tiefsten Wünschen und Vorstellungen erleben zu können. Gute Erlebnisse produzieren im Gehirn Serotonin und Endorphin, zwei wichtige biochemische Stoffe (Glückshormone) für unser Wohlbefinden. Die Folge: Man fühlt sich wacher, fitter, fröhlicher und glücklicher. Es lebe die Erlebnisgesellschaft, in der die eigenen Gefühle gelebt werden können!
Glaube als Erlebnis der besonderen Art
Die heutige Erlebnisgesellschaft beeinflusst massgeblich die christlichen Kreise. Wendet man die soziologischen Studien zur Erlebnisgesellschaft auf die religiösen Kreise an, so treten die Parallelen klar zutage. Christliche Gruppen haben das alte Image der verstaubten konservativen Gemeinden abgestreift. Auch die Christen wollen unterhalten werden. Möglichst jeder Gottesdienst soll zu einem besonderen Erlebnis werden, der mich in eine Stimmung der Glückseligkeit versetzt. Kann mir die angestammte Gemeinde nicht zu diesem (meinem) Glückserlebnis verhelfen, so gibt es ja noch andere. Oder am besten, man gründet gleich eine eigene. Wichtig sind in jedem Fall die Erlebnisse. Heute muss der Glaube vor allem Spass machen. Und so stehen manche Gemeinden unter dem Zugzwang, den Menschen etwas bieten zu müssen, damit sie überhaupt noch kommen. Christliche (Gross)Veranstaltungen können zu einem Rauschmittel werden, zum Fluchtweg aus den Bedrängnissen des modernen Lebens. Diese Gefahr ist dort gegeben, wo die bibelzentrierte Botschaft weitgehend auf der Strecke bleibt, und das religiöse Happening vor allem das Eine vermittelt: Spass und wohlige Glücksgefühle. --- Es gibt gute Gründe, diesen Trend zu hinterfragen. Jedenfalls sind wir gewarnt vor der Neigung, die christliche Gemeinschaft menschlich, seelisch, ja geradezu erotisch geniessen zu wollen. Jesu Absicht war nicht der christliche Kuschelklub der Frommen, in dem man sich gegenseitig geniesst, sondern der Bau von Gottes Reich.
Achtung Manipulation
Manipulation ist „die Kunst, jemanden zu einem Zweck zu gebrauchen, den er nicht kennt“ (Arnold Gehlen). Menschen machen etwas mit Menschen. Unsere Zeit wird als die grosse Epoche der Manipulation bezeichnet. Manipulation gibt es auch im christlichen Gewand. Was die geistliche Führerschaft sagt, gilt in jedem Fall. Und weil manche Christen den eigenständigen Umgang mit Bibel und Gebet verloren haben, verbunden mit wachem und kritischem reflektieren der eigenen Lebenswirklichkeit, scheint mir die Gefahr der Manipulation besonders aktuell zu sein. Kennzeichen von manipulierten Menschen: Ich denke nicht – ich werde gedacht. Ich handle nicht mehr – ich werde gehandelt. Ich entscheide nicht mehr- über mich wird entschieden.
„Und sie fingen an, fröhlich zu sein“
Stellen wir uns das mal vor. Der verlorene Sohn kehrt zum Vater zurück. Und schon lanciert der Vater eine Riesenparty (Lukas 15,24). Gott ist kein Miesmacher der Freude. Und die Christen sollen es auch nicht sein. Ein Blick in die Bibel genügt, um festzustellen, dass die Freude mitten hinein gehört in die christliche Gemeinde. Der Grundton der Freude durchzieht das Alte- und Neue Testament. Freude war im alten Israel Ausdruck des Lebens selbst. Es wurden viele Feste gefeiert, gesungen, gespielt (Esra 6,22). So ist es auch im Neuen Testament. Mit dem Wort des Engels „Siehe, ich verkündige euch grosse Freude“ (Lukas 2,10), wird die Ankunft des Messias Jesus proklamiert. Jesus selbst ist Botschafter der Freude (Johannes 15,11). Und die Jünger werden „mit grosser Freude erfüllt“ (Matthäus 28,8). In der Tradition der Freude steht auch der Apostel Paulus, wenn er den Gemeinden einprägt: „Freut euch, dass ihr zu Jesus Christus gehört. Und noch einmal will ich es sagen: Freut euch!“ Sogar in Bewährungsproben (Anfechtungen) hat die Freude ihren festen Platz (Jakobus 1,4). Die Bibel spricht zudem von der Freude im Leid, und vom besonderen Geschenk der Freude, die als Frucht des Geistes Gottes erfahrbar wird (Galater 5,22). Diese Freude darf man spüren und empfinden. Sie ist dynamisch und nicht statisch. Es wäre traurig um die Christen bestellt, wenn sie ohne diese göttliche Freude leben müssten. Letztlich lässt sich diese Freude nicht machen, aber sie kann gefördert werden. Das Feiern von Festen kann dazu beitragen.
Drei Gründe zum Feiern von christlichen (Gross)Veranstaltungen:
- Stärkung der Zusammengehörigkeit
Manche Christen stehen in ihrem Alltag auf einsamem Posten. Sie leiden oft darunter, dass sie in der Familie, in der Schule, im Betrieb so ganz auf sich gestellt sind. Das Gefühl der Vereinsamung wirkt entmutigend und resignierend. Eine Grossveranstaltung kann dem entgegen wirken. Ich sehe dort viele andere, die auch an Jesus Christus glauben. Das gemeinsame Erlebnis stärkt die Zusammengehörigkeit. Es wird zudem deutlich: Gemeinsam sind wir stark!
- Stärkung des Glaubens durch die gemeinsame Mitte
Die gemeinsame Mitte ist die frohe Botschaft von Jesus Christus, der uns Menschen sucht und uns zu sich einlädt. Im Zentrum steht das „Wort vom Kreuz.“ Diese Botschaft hat ein unverkennbares Profil, es vermag die Zeitgenossen im guten Sinn zu provozieren. Und diese Botschaft kann die Glaubenden zu profilierten Christen machen. Nicht Anpassung an die Trends, Charakter ist gefragt. Stärkung im Glauben- durch die stärkende Mitte des Evangeliums, durch Jesus selbst. Darauf kommt es an. „Jesus schafft Persönlichkeiten, die das Salz der Erde sind.“
- Stärkung für den gemeinsamen Auftrag
Die Individualisierung des modernen Lebens macht nicht Halt vor der christlichen Gemeinde. Und so kommt es immer wieder zu Abspaltungen und Neugründungen von christlichen Gruppierungen und Gemeinden. Christliche Grossveranstaltungen setzen ein Zeichen dafür, dass Christen in den wesentlichen Fragen des Glaubens und Lebens übereinstimmen, und sich für die sozialen Nöte der Gesellschaft und Welt verantwortlich wissen. Dabei gilt es, die christlichen Tugenden zu proklamieren, also zum Beispiel: Liebe, Güte, Treue, Demut, Dankbarkeit. Diese Tugenden sind gut und nützlich für alle Menschen. Gottes Gebote gelten allen Menschen.
Solche Feste dienen der Stärkung des Glaubens, der neuen Ausrichtung auf Gott. In allem soll deutlich werden: „Die Freude am Herrn ist eure Stärke“ (Nehemia 8,10).
© Ernst Bai (Nov. 08)
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