Streit im Baugewerbe. Monatelang dauerte die Auseinandersetzung zwischen dem Baumeisterverband und den Gewerkschaften Unia und Syna. Der Scherbenhaufen wurde immer grösser. Endlich einigen sich die Sozialpartner auf einen Landesmantelvertrag. Die streitbaren Gegner haben sich gefunden. Das liegt wesentlich am Verhandlungsgeschick von Mediator Jean-Luc Nordmann, der zwischen den Konfliktbeteiligten vermittelt hat. Mediation, die Vermittlung zwischen den Konfliktparteien, wird immer wichtiger. Es braucht sie im Konflikt um die Anflugschneisen auf den Flughafen Zürich-Kloten. Sie wurde nötig beim Konflikt um das SBB-Cargo-Industriewerk in Bellinzona. Dort wurde Franz Steinegger ("Katastrophen-Franz") als Mediator beigezogen. Mediation braucht es aber auch bei Trennung und Scheidung, bei Problemen zwischen Eltern und Kindern, bei Konflikten am Arbeitsplatz, beim Streit mit den Nachbarn, bei Gerichtsverfahren usw. Mediation wird in vielen Bereichen des gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Lebens mit Erfolg angewandt.
Mediation - eine Begriffsbestimmung
Mediation, (lat. Vermittlung) ist…
· ein aussergerichtliches Verfahren zur Konfliktbearbeitung
· in dem alle am Konflikt Beteiligten
· mit Unterstützung eines externen, allparteilichen Dritten (Mediator/in)
· freiwillig, eigenverantwortlich und gemeinsam
· eine fall- und problemspezifische Konfliktregelung bzw. Konfliktlösung erarbeiten.
[1]
Bei der Meditation geht es um die Konfliktregelung durch Konsens, und nicht durch Recht oder Macht. Ziel ist eine für beide Parteien befriedigende Lösung („win-win“- Situation). Der Konflikt soll einvernehmlich gelöst werden. In vertraulichen Verhandlungen entscheiden die Parteien selbst über ihre Möglichkeiten und Ergebnisse. Der Mediator fördert als neutraler Dritter einen fairen und effizienten Verhandlungsprozess. Er achtet darauf, dass sich die Konfliktparteien in der Mitte treffen, sich ein mitten, den gemeinsamen Nenner finden, auf dem sich Übereinkünfte treffen lassen. Mediation ist nur möglich, wenn alle Konfliktbeteiligten das Mediationsverfahren auch wirklich wollen.
Mediation - hat eine lange Tradition in der Schweizer Geschichte
Mediation ist kein neues Modell zur Konfliktlösung. Als 1798 die Franzosen in die Schweiz einmarschierten, brach die zerstrittene Alte Eidgenossenschaft zusammen. Die Franzosen zündeten Häuser an, raubten und plünderten. Mit Regelungen, die sich an den freiheitlichen Idealen orientierten, versuchte die siegreiche Partei die Schweiz neu aufzubauen, ihm die neuen Ideen aufzuzwingen. Das gelang jedoch nicht. Im Februar 1803 überreichte Bonaparte einer Schweizer Delegation, die in Paris eine neue schweizerische Verfassung ausarbeiten sollte, einen fertigen Verfassungsentwurf, eben die sogenannte Mediations- oder Vermittlungsverfassung. Dadurch wurde der Konflikt entschärft, es kam zu sinnvollen Verhandlungen, zu konstruktiven Abmachungen und zu einer optimistischen Strategie für die Zukunft. Mediation hat also auch mit Politik zu tun. Bewusst oder unbewusst, prägt der Mediationsgedanke bis heute unsere Politkultur. Und sie wird immer wichtiger in einer Zeit, in der sich eine politische (Un)Kultur breitmachen will, die sich dem Schwarz-Weiss-, dem Links-Rechts-, dem Gut-Böse-Schema verschreibt.
Mediation - bei Trennung und Scheidung
In den letzten Jahren hat Mediation im Bezug auf Trennung und Scheidung stark an Bedeutung gewonnen. Viele Paare regeln ihre Trennung alleine, also ohne Ämter und Anwälte. Nötig ist eine schriftliche Trennungsvereinbarung. Wer jedoch die Scheidung will, muss vor Gericht. Wenn der Partner mit der Trennung einverstanden ist und man noch respektvoll miteinander reden kann, kann man zusammen mit einem Mediator eine Trennungs- oder auch eine Scheidungsvereinbarung ausarbeiten. Viele Geschiedene halten sich lieber an gemeinsam beschlossene Abmachungen als an gerichtliche Auflagen. Wer dem Partner nicht traut, also zum Beispiel nicht weiss, was er verdient, wenn es an Offenheit fehlt, oder wer wegen kleinen Kindern nicht arbeiten kann, der braucht einen Anwalt oder eine Anwältin. Auf keinen Fall sollte jemand unter solchen Umständen voreilig und ohne fachliche Überprüfung eine Konvention unterschreiben. Da Kinder auch nach der Trennung Vater und Mutter brauchen, sind unbedingt auch die Interessen und Wünsche der Kinder zu berücksichtigen. Zu regeln sind Besuchsrechte, Unterhalts- und Alimentenzahlungen. Grundsätzlich bestimmen die Einkommensverhältnisse die Höhe der Alimentenzahlungen. Ein Mediator erzählt, wie er am Schluss einer Beratung ein Paar erlebt hat, das sich eine Stunde lang ernsthaft darüber unterhielt, warum der Mann der Frau fünfhundert Franken mehr geben wollte, als die Frau sich vorstellte. Ein schönes Ergebnis, für eine gelungene Mediation. Mediatoren in diesem Bereich müssen über solide Rechtskenntnisse verfügen, aber auch in Psychologie und Gesprächsführung ausgebildet sein.
Mediation bei Problemen zwischen Eltern und Kindern
Kinder im Pubertätsalter verhalten sich den eigenen Eltern gegenüber oft aggressiv und ablehnend. Eine Verständigung ist oft nicht mehr möglich. ("Mit euch kann man ja nicht mehr reden, ihr wollt immer recht haben.") Dadurch wird das Familiensystem massiv beeinträchtigt. Mediation (Vermittlung) bedeutet hier zunächst, miteinander zu reden, unverständliches Verhalten zu klären, Vorurteile abzubauen und Brücken zueinander zu bauen. Ziel ist es, Regeln für das tägliche Miteinander zu entwickeln - Regeln, die für alle Beteiligten gelten.
Mediation bei Konflikten am Arbeitsplatz
Im Bereich der Wirtschaft hat die Konfliktmediation einen hohen Stellenwert. Wo Menschen zusammenarbeiten, kommt es zu Spannungen und Konflikten. Je dynamischer und schnelllebiger der Markt funktioniert, das heisst je rascher Veränderungsprozesse ablaufen, desto höher wird das Potenzial für Konflikte in den Unternehmen. Teil der Unternehmenskultur sollte es sein, Spannungen und Konflikte als Veränderungsanstoss zu nutzen. Von den Mitarbeitenden eingebrachte Verbesserungsvorschläge sind zu diskutieren, Spannungen sollen konstruktiv thematisiert und ausgehalten werden. Der erste Konfliktsatz für eine gute Unternehmenskultur lautet deshalb: "Besteht der Verdacht auf einen Konflikt, so sprich ihn an." Und der zweite Konfliktsatz lautet: "Sollte eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter von einem Konflikt reden, so gibt es ihn." Hauptziel der Mediation ist es, die Arbeitsbeziehungen nicht abzubrechen, sondern den Prozess zur Lösung des Konflikts so zu gestalten, dass die Beziehungen untereinander verbessert werden. Spannungen in Gruppen können präventiv angegangen werden, bevor sie zu Mobbing eskalieren. Mediation hilft, die Eigenverantwortung zu stärken, zukünftige Spannungen und Probleme konstruktiv und eigenständig zu lösen.
Mediation bei Streit mit den Nachbarn
Wilhelm Tells Aussage „Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt“ ist leider häufig zutreffend. Die Zahl der Nachbarstreitigkeiten stieg in den letzten Jahren kontinuierlich an. Das Nachbarschaftsrecht scheint für viele Leute eine schier unerschöpfliche Streit-Quelle zu sein. Nachbarschaft bedeutet räumliche Nähe, was zu vielfältigen Problemen führen kann. Der ätzende Rauch aus dem Grill des Nachbarn ist unerträglich. Der bellende Hund in der Nacht reisst uns aus dem Schlaf. Die regelmässigen Partys stören die Nachtruhe. Der Baum auf dem Nachbargrundstück wirft zu viel Schatten auf mein Blumenbeet. Die Aussenbeleuchtung vis-a-vis schaltet bei jeder Katze ein und nervt. Nachbarschaftsmediation kommt überall dort zum Einsatz, wo Nachbarn miteinander streiten. Sie ist eine sinnvolle, kostengünstige und zeitsparende Alternative zu den oft unbefriedigend verlaufenden Gerichtsverfahren.
Mediation zwischen Bürger und Verwaltung
Nach der Amoktat in Zug 2001 schuf der Kanton Zug eine Vermittlungsstelle in Konfliktsituationen. Beat Gsell, der dortige Vermittler ist Jurist und Mediator. Es kommen Leute zu ihm, die nicht verstehen, was die Verwaltung mit ihnen macht oder die damit nicht einverstanden sind. Die Hilfesuchenden befinden sich existenziell in schwierigen Situationen. Es geht dabei um Sozialhilfe, Betreibungen, Scheidungen oder um Kontakte mit der Polizei und den Untersuchungsbehörden. Als Jurist kann er den Hilfesuchenden die staatlichen Gesetze erklären. Als Mediator kann er vermitteln, indem er Kontakt zu den betroffenen Verwaltungsstellen aufnimmt und nachschaut, ob etwas schiefgegangen ist. Er versucht das Verhältnis zwischen Bürger und Verwaltung zu entspannen. Diese Aufgabe hat präventiven Charakter. Gefährliche Eskalationen können vermieden werden.
Mediation aus biblischer Perspektive
Die Mediation ist eigentlich eine uralte Angelegenheit. Schon die Bibel weist darauf hin. Kommt es zum Streit, wird zur Schlichtung eine neutrale Drittperson empfohlen. "Wenn sich einer von euch etwas zuschulden kommen lässt und sündigt, dann sollt ihr, die von Gottes Geist geleitet werden, ihn liebevoll wieder zurechtbringen. Seht aber zu, dass ihr dabei nicht selbst zu Fall kommt" (Galater 6,1). "Wenn dein Bruder Schuld auf sich geladen hat, dann geh zu ihm und sag ihm, was er falsch gemacht hat. Wenn er auf dich hört, hast du deinen Bruder zurückgewonnen. Will er nichts davon wissen, nimm einen oder zwei andere mit, denn durch die Aussage von zwei oder drei Zeugen wird die Sache eindeutig bestätigt" (Matthäus 18,15f). Der Grundgedanke, einen Konflikt durch Vermittlung (Mediation) zu lösen, ist biblisch verankert. Jesus Christus gilt als Schlüsselperson der Vermittlung. Er ist der eigentliche Mittler, der Vermittler zwischen Gott und uns sündhaften Menschen. "Es gibt nur einen einzigen Gott und nur einen Einzigen, der zwischen Gott und den Menschen vermittelt und Frieden schafft. Das ist der Mensch Jesus Christus" (1. Timotheus 2,5). Als Menschen, die mit Gott versöhnt sind, haben Christen die besten Voraussetzungen, um sich in dieser Welt als Vermittler (Mediatoren) und Friedensstifter zu engagieren. Christen wirken überall dort präventiv, wo sie das Bibelwort aus Römer 12,17f beherzigen: "Vergeltet niemals Unrecht mit neuem Unrecht. Euer Verhalten soll bei allen Menschen als ehrbar gelten. Soweit es irgend möglich ist und von euch abhängt, lebt mit allen Menschen in Frieden."
© Ernst Bai (Nov. 08)
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[1]Aus dem Leitbild des Schweizerischer Dachverbandes Mediation SDM-FSM